atom heart
Uwe Schmidt - der Mensch hinter dem Projekt Atom Heart - ist schon seit den 80er Jahren in der elektronischen Musikszene aktiv; allerdings mit immer wieder neuen Projekten und Pseudonymen. Lassigue Bendthaus und Atom Heart sind dabei wohl die bekanntesten, aber auch das Produkt der Zusammenarbeit mit Bernd Friedmann (aka Nonplace Urban Field oder Drome) findet als Flanger dieser Tage den Weg zu offenen Ohren.
Mit dem Label Rather Interesting, das seit 1994 veröffentlicht, baute Uwe Schmidt eine unabhängige Plattform für seine außergewöhnlichen Werke auf und kann damit ganz seinen eigenen künstlerischen Interessen nachgehen.
Am 16.01.1999 trat er als Atom Heart im Rahmen des Berlin Atonal Festivals 99 im Glashaus der Arena auf, wo wir ihn für Electrigger #3 auf Videoband bannen konnten, um ihn kurz darauf in einem Gespräch auf die musikalische Prüfwaage zu stellen:

Atom Heart liveAtom Heart liveUwe Schmidt Interview

Uwe Schmidt: Ich habe irgendwo gehört, man würde im Fernsehen fünf Kilo schwerer aussehen. Stimmt das?
Na bei Dir geht das ja noch! Aber bei mir...
Uwe Schmidt: Ich hab’ auch Bedenken jetzt so...

Ich glaube, die sind unnötig...
Okay, wie kam der Kontakt zustande, daß Du beim Atonal Festival aufgetreten bist?

Uwe Schmidt: Ich denke, das ging so Berlin-intern, über Thomas Fehlmann z.B., mit dem ich in Kontakt bin. Und der kennt halt die Leute hier, hat das so vorgeschlagen und ist auf mich dann zurückgekommen.

Man hat ja auch gemunkelt - in der Presse habe ich das gelesen, daß es vielleicht zu einer Kollaboration mit Drome oder Nonplace Urban Field heute kommt, aber...
Uwe Schmidt: Die gibt’s ja schon längst. Die Kollaboration existiert ja schon.

Aber heute nicht live?
Uwe Schmidt: Nee, der Bernd ist ja gar nicht da, der ist ja in Australien.

Was haben wir da heute für Musik gehört? War das improvisiert von Dir, also etwas, was es sozusagen nur live gibt, oder ist das irgendwo auf Platte und wurde jetzt geremixt?
Uwe Schmidt: Das ist ein reiner Liveentwurf, der semiprogrammiert ist. Und der Rest ist improvisiert, kann man so sagen.

Was ist das für ein Instrument, auf dem Du da spielst?
Uwe Schmidt: Das ist ein Sampler, Drummachine, Sequencer und Effektgerät namens MPC 3000.

Da waren ja irgendwelche Daten auf dem Videobildschirm zu sehen. Was war das? Etwas, was Du live gemacht hast oder hat das gar nichts damit zu tun gehabt...
Uwe Schmidt: Doch, ihr habt genau das gesehen, was ich auch gesehen hab. Also das ist eine 1:1-Abbildung des Displays.

Also kannst Du das immer sozusagen digital über so einen Cursor anwählen und dann verändern.
Uwe Schmidt: Genau, das sind Menüs und Untermenüs.

Du hast ja relativ viele Pseudonyme unter denen Du arbeitest. Warum gibt’s da so viele Pseudonyme, so viele Projekte?
Uwe Schmidt: Die gibt’s ja eigentlich hauptsächlich auf Rather Interesting. Und da sehe ich das eher so als Bilder denn als Pseudonyme. Das heißt, jedes Bild bearbeitet ein Konzept.
Und wenn ein Konzept wichtiger wird, ich sozusagen merke, daß da irgendwas auf den Punkt gebracht wurde und ich da vielleicht noch mal ansetzen kann, dann wird es auch stetiger - so wie Atom Heart zum Beispiel.
In dem Moment, wo ich sehe, daß das abgeschlossen ist, oder auch da nichts mehr gesagt werden kann, bleibt das auch so bestehen und wird nicht mehr fortgesetzt. Insofern gibt’s auch immer neue Projekte - das sind immer so Stufen auf einer Leiter.

Siehst Du Dich durch irgendeine Art von Musik beeinflußt?
Uwe Schmidt: Also am Anfang waren noch eindeutige Einflüsse da. Die haben sich später völlig aufgelöst und mindestens seit ’93 gab ’s eigentlich auch keine Referenz mehr auf irgendwas.
Und seit Rather Interesting sowieso eine Auflösung von Bezug zu irgendwas. Deshalb bin ich jetzt auch in Chile, z.B.

Was ist der Hintergrund dafür, daß Du Dein eigenes Label gegründet hast? Um unabhängig zu sein, bei Deinen Veröffentlichungen?
Uwe Schmidt: Das hat mehrere Gründe. Der eine ist, ich behalte die Rechte, habe volle Kontrolle darüber, was passiert und muß mich nicht mit irgendwelchen Label-Dumpfbacken die ganze Zeit unterhalten.
Das ist einfach nur Energieverschwendung! Also es ging irgendwann soweit, daß das Machen der Musik weniger Zeit beanspruchte als das verchecken der Musik, und rausbringen und warten und diskutieren und kein Geld bekommen und so weiter. Da habe ich es irgendwann halt selber gemacht.

Der Umzug nach Chile, hatte das private Gründe?
Uwe Schmidt: Das hatte private Gründe und natürlich auch mit Musik zu tun, d. h. Abkoppelung von Europa und einem erzwungen Input, der mich nicht so interessiert hat. Oder auch von einem sich in Bezug setzen zu etwas, was mich nicht interessiert hat.

Da höre ich auch in etwa raus, daß Du in Chile, wo Du heute lebst, sicherlich unbeeinflußter bist und in Deiner Umgebung nicht so viele Vergleiche ziehen kannst.
Uwe Schmidt: Es gibt da auch keine elektronische Musikszene, sag ich mal, in der ich mich dann so definieren müßte. Sondern ich kann ganz von anderen Dingen beeinflußt meine Sachen generieren und sie dann einfach hier veröffentlichen, was wesentlich interessanter ist, als sich in einem Kontext definieren zu müssen.

Kennt man Dich denn nun in Chile, trittst Du in Chile live auf? Oder ist es mehr oder weniger, daß Du da zurückgezogen lebst und Auftritte und Veröffentlichungen nur in Europa, Japan und Amerika hast?
Uwe Schmidt: Ich trete sehr sehr selten auf und auch eher so, um den Leuten einen Gefallen zu tun, möchte ich mal sagen - so wie überredet werden oder irgendwie so was. Und ich bin da eigentlich recht abgeschottet von der Szene, also ich hab da musiktechnisch auch kein Standbein. Und das interessiert mich auch nicht, weil da passiert ja auch nichts, was mir was bringen würde; wo irgend jemand von profitieren würde.

Was verbindest Du mit dem Atonal Festival? Das gibt’s ja schon relativ lange, also ’82 war das erste in Berlin. Damals wurde ja ein bißchen andere Musik gespielt, was auch einfach mit der Entwicklung zusammenhängt. Das Atonal Festival verbindet man einfach auch - hier in Berlin zumindest - mit Anfang der 80er Jahre: Punk, Industrial, neuer Aufbruch, ganz neue Musik, neue Klänge... Das hat sich ja nun heute ein bißchen gewandelt und es gibt immer wieder kritische Stimmen, die behaupten: das Atonal Festival wird nie so sein, wie es früher war und da bräuchte man auch kein Festival zu machen.
Uwe Schmidt: Also ich weiß nicht, wie es früher war, weil ich kenn‘s einfach nicht. Ich kenne allerhöchstens den Namen und so was wie den Ruf... Und der ist natürlich - wie du auch erwähnt hast - mit Industrial, Punk, was auch immer, verknüpft.
Und ich denke, wenn jemand das weiterführt oder neu aufgreift, weiß er schon, was er tut.
Und so ein Vergleich... also ich würde sowieso keinen Vergleich ziehen und insofern auch nicht werten, was ist besser oder schlechter oder was auch immer.
Sondern ich denke, so wie damals jemand an Musik interessiert war, so ist er das auch heute. Und daß sich die Musik auch geändert hat und sich sehr viel auch außen herum noch geändert hat, das ist völlig legitim.
Also ich kann auf einer anderen als der Ebene auch keine Kritik abliefern.

Du veröffentlichst ja im Februar ’99 ein neues Album unter dem Namen LB. Ist das eine Abkürzung von Lassigue Bendthaus oder ist das reiner Zufall?
Uwe Schmidt: Das ist Lassigue Bendthaus. Und es sind zehn Coverversionen - Pop-Coverversionen, die Platte heißt Pop Artificielle.
Und es sind nicht meine personal Favourites, die ich gecovert hab, sondern ein Statement unabhängig von meinem Geschmack. Da sind auch Titel drauf, die mir nicht gefielen. Und ich sehe die Platte so als notwendigen Entwicklungsschritt hin zum generieren von Popmusik; eben nicht von Coverversionen oder auch nicht von traditionellem Pop, sondern so eine Fusion aus dem, was ich gemacht hab und was ich glaube, was Pop sein könnte.

Gab’s da rechtlich irgendwelche Probleme, daß sich da jemand für interessiert hat?
Uwe Schmidt: Nee, weil es ja eine Coverversion ist. Also covern kann man, darf man. Da kriegen Keith Richards und Mick Jagger auch ihren Anteil davon, über die GEMA und Publishing und so weiter.

Wird’s davon eine Single-Auskopplung geben, eventuell auch ein Video?
Uwe Schmidt: Es gibt „Jealous Guy" - ein John Lennon-Stück - als erste Single. Ich glaube, so in zwei Wochen kommt die raus und es soll auch ein Video geben. Das habe ich zwar noch nicht gesehen, aber es ist alles in Arbeit...

Wirst Du dann noch mal auf Tour kommen mit Lassigue Bendthaus?
Uwe Schmidt: Äh, also wenn die Stadien voll werden, schon ;-)
Es ist halt nicht geplant, aber mal gucken, was für eine Response da ist und ob sich das irgendwie machen läßt.

Vielen Dank für das Interview...


atom heart links
www.atom-heart.com/    official homepage
http://music.hyperreal.org/artists/atom_heart/   Atom Heart discography
www.datacide.org    Rather Interesting review site

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last update: 14.nov 2016
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